Lebensmittelorientierte Ernährungsleitlinien – befinden wir uns auf dem richtigen Weg?
Lebensmittelorientierte Ernährungsleitlinien aufzustellen ist eine Sache. Dafür zu sorgen, dass diese auch gelesen, verstanden und befolgt werden, eine andere. Forscher des EURRECA Network of Excellence haben untersucht, wie diese Ernährungsleitlinien von den Verbrauchern wahrgenommen werden.
Was sind lebensmittelorientierte Ernährungsleitlinien?
Lebensmittelorientierte Ernährungsleitlinien (Food-Based Dietary Guidelines, FBDG) stellen grundlegende Aussagen zu gesunder Ernährung dar, die sich an die allgemeine Öffentlichkeit richten. Sie zeigen auf der Basis von Lebensmitteln anstelle von Nährstoffen, was man essen sollte, und bieten grundlegende Orientierung bei der Planung der täglichen Mahlzeiten und Gerichte. FBDG gehen also über die eher abstrakten Empfehlungen zur Nährstoffaufnahme hinaus und sind dadurch für den einzelnen Verbraucher wesentlich besser verständlich.
Genau genommen berücksichtigen FBDG, dass mehr als eine Ernährungsweise zu guter Gesundheit führen kann; sie stellen damit ein ganzheitliches Konzept dar. Entsprechend diesem Prinzip zielen FBDG darauf ab, durch verbesserte Ernährungsgewohnheiten die vorherrschenden ernährungsbedingten Gesundheitsprobleme in der Bevölkerung insgesamt zu reduzieren. In den Leitlinien wird auch berücksichtigt, dass es bei einer gesunden Ernährung um mehr als nur Nährstoffbedarf und empfohlene Zufuhrmengen geht. Der Nährstoffgehalt von Lebensmitteln hängt beispielsweise auch von der Art der Verarbeitung und Zubereitung ab. Hinzu kommt, dass wir bei einigen Lebensmitteln zwar die gesundheitsfördernde Wirkung kennen, die biologischen Ursachen aber noch nicht wissenschaftlich geklärt sind. Des Weiteren werden in den FBDG der Genuss beim Essen und die sozialen und kulturellen Aspekte sowie die Bedeutung einer abwechslungsreichen Ernährung berücksichtigt.
Im Anschluss an die Internationale Ernährungskonferenz im Jahr 1992 leiteten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Ernährungs- und Landwirtschafts-Organisation der Vereinten Nationen (FAO) Maßnahmen zur Ausarbeitung von FBDG für die breite Öffentlichkeit in die Wege. Im Jahr 2005 hatten nach Angaben der WHO europaweit 33 Länder (weltweit 75 Länder) FBDG entwickelt.1
Forscher des durch das 6. Forschungsrahmenprogramm finanzierten EURRECA Network of Excellence haben die verfügbare Fachliteratur dahingehend untersucht, wie gut diese Richtlinien funktionieren. Werden Sie von den Verbrauchern gelesen, verstanden und befolgt?
Kenntnis, Verständnis und Umsetzung unter Verbrauchern
Die Analyse von 28 Studien rund um den Globus ergab, dass Verbraucher zu einem bestimmten Grad mit FBDG vertraut sind. Man hat vorgeschlagen, dass Kenntnis ein notwendiger erster Schritt zur Verhaltensänderung ist. Allerdings sind die genauen Zusammenhänge kompliziert, und viele andere Faktoren wie persönliche Vorlieben bestimmen, ob Kenntnis letztendlich zu besseren Ernährungsgewohnheiten führt.
Nachforschungen zur Frage, ob Verbraucher die FBDG verstehen, haben zu keinen eindeutigen Ergebnissen geführt. In der Regel ist ein allgemeines Verständnis konkreter Konzepte wie „fettarm“ oder „wenig Zucker“ vorhanden; abstraktere Konzepte wie Portionsgrößen scheinen hingegen weniger verständlich zu sein.
Ob FBDG von den Verbrauchern tatsächlich aktiv genutzt werden, ist noch offen. Es gibt schlichtweg noch zu wenig Studien, anhand derer sich feststellen ließe, ob Kenntnis und Verständnis der FBDG auch zu einer gesünderen Ernährung führen.
Die Literaturübersicht zeigt, dass die Förderung der FBDG nicht immer mit entsprechenden Auswertungsmaßnahmen einhergegangen ist und die eingesetzten Beurteilungsmethoden verfeinert werden müssen. Der erste Schritt zu einer zuverlässigen Auswertung liegt in der klaren Festlegung der Kriterien wie Kenntnis und Nutzung von FBDG. Die Auswahl der Methoden muss gezielt erfolgen, damit sichergestellt ist, dass sie zweckdienlich sind und alle relevanten Faktoren erfassen. Sobald FBDG auf Grundlage eindeutiger Definitionen und sorgfältig abgewogener Methoden beurteilt worden sind, können die Studien verglichen und Schlussfolgerungen hinsichtlich der Effizienz von FBDG als Mittel zur Förderung einer gesunden Ernährungsweise gezogen werden.
Schlussfolgerung
Effiziente Methoden zur Information der Bevölkerung sind bei der Umsetzung von Zielen im Bereich der öffentlichen Gesundheit entscheidend. Um herauszufinden, ob die Bemühungen auch Wirkung gezeigt haben, müssen effiziente Beurteilungsverfahren eingerichtet werden. Aus der EURRECA-Analyse zu Kenntnis, Verständnis und Anwendung der FBDG geht hervor, dass die Förderung dieser Leitlinien nicht immer mit entsprechenden Beurteilungsmaßnahmen einhergegangen ist. Ob sich das FBDG-Konzept zur Förderung einer gesunden Ernährung eignet, kann also im Moment noch nicht gesagt werden. Anhand einer Bewertung der Effizienz der FBDG wird sich zeigen, welche Arten von FBDG besonders effizient sind und welchen Beitrag sie zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit im Verhältnis zu anderen Initiativen in diesem Bereich leisten.
Das Kompetenznetzwerk EURRECA (EURopean micronutrient RECommendations Aligned) wird von der Europäischen Kommission finanziert (2007-2011), Vertragsnummer FP6 036196-2 (FOOD) und wird von ILSI Europe (International Life Sciences Institute, Zweigstelle Europa) koordiniert.
Literatur
- Summary Report EFSA Scientific Colloquium 5, 21-22 March 2006, Parma, Italy. Verfügbar unter: http://www.efsa.europa.eu/de/colloquiafbdg/publication/colloquiafbdg.pdf
- Brown KA et al. A review of consumer awareness, understanding and use of food based dietary guidelines. Br J Nutr. Published online 9 March 2011. doi:10.1017/S0007114511000250.
- Contento IR et al. (1995). The effectiveness of nutrition education and implications for nutrition education policy, programs and research: a review of research. J Nutr Educ 27(6):279-418.
Quelle: European Food Information Council www.eufic.org - EU-Projekte, Sonderausgabe 06/2011

